29. September 2016. „Lieber Schlaglöcher statt Funklöcher,“ dieser einfach zu merkende Slogan ist seit über einem Jahr das Erkennungszeichen der europäischen Speerspitze der Digitalisierung. Kein geringerer als Digitalkommissar Günther Oettinger sorgt so auf Möbelhändler-, Industrie- und Mittelstandsveranstaltungen für den ein oder anderen Lacher. Weniger zum Lachen zumute ist es einem erst, wenn man feststellt: Mit dem Warten auf durchgängigen LTE-Empfang in Hohenlohe, Meckpomm oder dem Bayerischen Wald wird die deutschen Wirtschaft den Digitalisierungskrieg nicht gewinnen. Vermutlich nicht mal eine Digitalisierungsschlacht.

Während wir in Europa noch stillschweigend akzeptieren, dass sich die Politik nur sehr mühsam um die Digitalisierung und der Beibehaltung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit kümmert, zeigt sich in anderen Teilen der Welt ein ganz anderes Bild. China schwingt sich dazu auf, den globalen Handel mit chinesischen Waren zu überfluten. Auch vor B2B-Sortimenten machen sie keinen Halt. Aber der Reihe nach.

Chinas Gründergeneration braucht keine extra Einladung

Ich hatte dieses Jahr im Juli das Glück, ein paar Tage in Hong Kong und Shanghai verbringen zu können. Während meiner Zeit dort konnte ich mir einen sehr guten Eindruck vom chinesischen Startup-Spirit machen. China ist der Welt als Metapher für die schnelle Umsetzung von Projekten bekannt. Doch nicht nur im Bauwesen, auch im Digital Business ist China mittlerweile eine Macht. Das Vorgehen ist dabei extrem pragmatisch und wird von Sophia Xu, Oxford-Absolventin und CMO beim Shanghaier Startup FreshFresh so ausgedrückt:

  1. Eine Industrie auswählen, die Digitalisierungspotenzial aufweist
  2. Ein Team zusammenstellen, das erfahren genug und bereit ist, das Projekt „abzuliefern“
  3. Sehr hart arbeiten, flexibel sein und schnell dazulernen

Was sehr trivial und oberflächlich klingt, meinen Chinas Gründer jedoch genau so. Während in Europa viele Industrien über die Jahre jedoch sehr gute „Schutzmechanismen“ aufgebaut haben, sind sie in China um einiges anfälliger. In Superstädten wie Shanghai, Hongkong oder Peking schnell Teams mit Business- und IT-Erfahrung aufzubauen, ist dank relativ laxem Umgang mit Kündigungsfristen in China ebenfalls kaum ein Problem. Hart zu arbeiten um etwas zu erreichen ist in der chinesischen Kultur ebenfalls unabdinglich.

Viele der chinesischen Gründer haben bereits in einer Menge anderer, westlicher Märkte studiert und gearbeitet. Mit ihren Erfahrungen aus amerikanischen oder europäischen Universitäten und Unternehmen gehen sie zurück nach China und schöpfen aus dem großen Pool an Arbeitskräften und Kapital. Die oft anzutreffende Annahme, dass hinter den aufstrebenden, chinesischen Digitalunternehmen ungebildete, schlecht Englisch sprechende, zwielichtige Produktkopierer stehen, ist somit nicht nur falsch, sie ist schlichtweg dumm.

Alibaba und die 13 Sonderwirtschaftszonen

Zugegeben, der billige Abklatsch des Märchentitels aus der Sammlung „Märchen aus 1001 Nacht“ liegt zu nahe, um ihn an dieser Stelle nicht zu verwenden. Diese digitalkommissareske Bemerkung hat jedoch einen ernsten Hintergrund: 2015 testete die Volksrepublik China in Hangzhou eine Sonderwirtschaftszone für E-Commerce mit effizienterer Logistik-, Finanzierungs-, Steuer- und Zollabwicklung. Dieser Test war so erfolgreich, dass im Januar 2016 ganze 12 weitere Sonderwirtschaftszonen entstanden.

Natürlich kann diese Infrastruktur auch von Importeuren genutzt werden. Doch China, Weltmarktführer im Cross-Border-E-Commerce, möchte mit dieser Aktion vor allem seinen Export über digitale Kanäle weiter ausbauen. Wie GTAI ermittelte, betrug der Onlinehandelsumsatz Chinas 2015 ca. 18 Bill. RMB (ca. 2,9 Bill. USD). Davon entfielen ca. 5,2 Bill. RMB (ca. 840 Mrd. USD) auf Cross-Border-E-Commerce. Die Chinesen schieben also per Onlinehandel ungefähr einmal das BIP der Niederlande über die Landesgrenzen. Etwas mehr als 55% entfallen dabei auf den Export.

Die Erklärung des GTAI, der Motor des Wachstums seien vor allem chinesische Produzenten, die sich online direkte Absatzkanäle erschließen, lässt sich vorerst leider nicht mit Zahlen belegen. Spannend ist jedoch die Beobachtung, dass die Erhöhung des Online-Exportanteils ein strategisches Ziel des chinesischen MOFCOMs (Ministry of Commerce = Handelsministeriums) darstellt. 2016 soll laut einer Hochrechnung der Online-Außenhandelsumsatz 6,5 Bill. RMB (ca. 1,05 Mrd. USD) betragen. Der Exportanteil steigt dabei angeblich auf schwindelerregende 83%, was jedoch eine Halbierung des absoluten Importanteils von 2,21 Bill. RMB (ca. 356 Mrd. USD) auf 1,105 Bill. RMB (ca. 178 Mrd. USD) zufolge hätte. So ganz scheinen die Zahlen also irgendwie auch nicht zu passen, bei den Beträgen kann man aber auch leicht durcheinander kommen.

Trotzdem: China sieht in der digitalen Erschließung neuer Absatzwege großes Potenzial für Wirtschaftswachstum. Und das hat das Land, in dem 6,49% reales BIP-Wachstum schon eine mittlere Wirtschaftskrise hervorruft, dringend notwendig.

Statistik: China: Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2006 bis 2016 (gegenüber dem Vorjahr) | Statista
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Alibaba als „Retter“ der chinesischen Wirtschaft?

Der vorherige Absatz wird besonders pikant wenn man versucht, Alibaba in diesen Kontext einzubetten. Das GMV (Gross Merchandise Volume = Handelsvolumen) Alibabas betrug im Jahr 2015 ca. 475 Mrd. USD. Das macht Alibaba zum mit Abstand größten Marktplatz der Welt. Amazon kommt 2015 auf ungefähr 225 Mrd. USD GMV. Im Vergleich zu Amazon verkauft Alibaba jedoch selbst keine Waren und tritt somit nicht als Händler auf. Alibaba stellt lediglich die Plattform bereit, auf der vorwiegend chinesische Händler Ihre Ware feilbieten. „Alibaba.com“ ist die Urform des Marktplatzes, mit reiner Ausrichtung auf B2B. Erst über die Jahre entstanden Ableger wie TMall (B2C Online Retail), AliExpress (Internationaler B2C Online Retail) oder Taobao (Chinesischer C2C Marktplatz).

Die Alibaba Group gefällt sich in der Rolle des globalen Handelsevangelisten. Die ursprüngliche Vision des Gründers Jack Ma vor allem kleinen Unternehmen das Tor zum globalen Handel zu öffnen, ist heute fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Zwar ist Alibaba auch darum bemüht europäische Marken, z.B. aus dem Modebereich, auf seine Plattform TMall zu bekommen, wie Managing Director Terry von Bibra im Juni in einem Interview auf etailment.de zu Protokoll gab, doch die Vermutung, dass Alibaba vor allem ein Vehikel für den chinesischen Export ist, liegt nahe.

Abzüge in der A-Note: Alibaba.com hat in Deutschland noch orthographisches Verbesserungspotenzial (Quelle: https:/german.alibaba.com)
Abzüge in der A-Note: Alibaba.com hat in Deutschland noch orthographisches Verbesserungspotenzial (Quelle: https:/german.alibaba.com)

Was für die westliche Digitalwelt die GAFA- (Google, Apple, Facebook, Amazon) Ökonomie ist, ist für die chinesische Digitalwelt die BAT- (Baidu, Suchmaschine; Alibaba, E-Commerce; Tencent, Social Media) Ökonomie. Alibaba ist für die chinesische Wirtschaft ein prominentes Vehikel, ihre Waren über günstige, digitale Direktabsatzkanäle zukünftig noch stärker und schneller in die westlichen Märkte zu bekommen. Ohne lästige Handelsstufen. Selbst mehrere europäische Jahresproduktionen an Kuckucksuhren, Christbaumkugeln und Designerhandtaschen, könnten dieses Ungleichgewicht nicht ausbalancieren. Doch nicht nur der zentraleuropäische oder amerikanische Markt ist davon betroffen. China schielt auch und vor allem auf Wachstumsmärkte wie Russland, Südamerika und Afrika. Schon 2014 war AliExpress die meistbesuchte E-Commerce Website in Russland.

Nicht nur Unternehmen aus den USA, Deutschland und dem Rest der EU stehen Alibaba & Co. als neue, fernöstliche Bedrohung entgegen. Auch in einem vergleichsweise kleinen Markt wie der Schweiz zieht der Direktimport asiatischer Waren, insbesondere aus China, stark an, wie Thomas Lang in seinem Blog berichtet. Der „Päckli-Boom“ in der Schweiz lässt sich in eindrucksvollen Zahlen ausdrücken:

Will Amazon China zu seinem größten Lieferant machen?

Im Februar diesen Jahres ging einmal mehr eine Meldung über den Äther, die es nur ansatzweise in das Bewusstsein der Führungsebenen deutscher B2B Unternehmen schaffte. Bloomberg hatte herausgefunden, dass Amazon ein internes „Project Dragon Boat“ ins Leben gerufen hat, mit dem Amazon seine Kooperationen mit und in China massiv ausbaut.

„The report envisioned a global delivery network that controls the flow of goods from factories in China and India to customer doorsteps in Atlanta, New York and London. The project, called Dragon Boat, is proceeding, according to a person familiar with the initiative, who asked not to be identified because the information isn’t public.“

Während Atlanta und New York aus europäischer Sicht noch immer weit genug weg sind, wird diese neue Herausforderung für Hersteller, Händler und Logistiker in Old Europe spätestens dann ein Problem, wenn die Logistikkette bis London reibungslos funktioniert. Meiner Meinung nach ist dabei nicht die Frage ob, sondern wann das soweit sein wird. Wer aus Chengdu im chinesischen Hinterland ein Paket nahtlos und in kürzester Zeit nach London befördern kann, der wird dies auch nach Paderborn, Passau und Pirmasens schaffen. Heute befinden sich in den „Päckli“ vielleicht noch USB-Kabel, Handyhüllen und „originale“ Adidas Sneaker. Schon morgen könnten das jedoch genauso gut Whiteboards, Schrauben oder komplette Telefonanlagen sein.

Wer China heute noch unterschätzt, ist mächtig auf dem Holzweg

Die Zeiten, in denen man China zwar auf der Rechnung hatte, die wirtschaftliche Bedrohung durch die sich verändernde Situation auf dem globalen Markt aber noch in weiter Ferne sah, ist spätestens allerspätestens seit diesem Jahr vorbei. Exponentiell beschleunigt durch die Digitalisierung der chinesischen Wirtschaft, Alibaba und Amazon wird der Druck auf B2B Hersteller, Groß- und Fachhändler weiter steigen. Dies gilt nicht nur für sowieso schon stark anfällige Branchen wie den Werkzeug-, C-Teile- oder Bürobedarfshandel.

Die Produktqualität und die Qualität der Produktdaten in Fernost hat sich in den letzen Jahren stark verbessert und nimmt weiter zu. Somit wird es auch für Unternehmen aus Branchen mit „kritischen“ Produkten, wie Laborbedarf, Mess- oder Industrietechnik zukünftig kein sicherer Hafen sein, sich hinter Zertifikaten und Produktsiegeln zu verstecken. Vielleicht ist das nach globalem Handel, Logistik & Co. die nächste Branche, die Amazon, Alibaba und die 13+X Sonderhandelszonen zukünftig aufmischen werden.