Düsseldorf, 16.05.2017. Zwischen dem Universum Business Day vergangene Woche in Frankfurt und der Online B2B Konferenz heute in München bleibt leider wenig Zeit, einen ausführlichen Beitrag zu schreiben. Jedoch: Es gibt mal wieder Neuigkeiten aus der MRO-Digitalwelt, die man niemandem vorenthalten sollte. Ein Gerücht, dass sich die letzten Wochen hartnäckig hielt, ist Realität geworden. Das Unternehmen hat sich noch nicht zu den Vorgängen geäußert. 

Zoro und Grainger – zwei von mir in der Vergangenheit oft als Positivbeispiele für gelungene Digitalstrategie verwendete Exemplare – lassen in diesen Tagen weniger gute Nachrichten durchblicken. Im Düsseldorfer Medienhafen wird durchregiert, American-Style. Gleich 30 Mitarbeiter hat das amerikanische Corporate Spin-Off im April geschasst. Berichten von „Augenzeugen“ auf Kununu, der Plattform für Arbeitgeberbewertung, bestätigen das. Zwar sind diese Plattformen dank dem negativen Multiplikator immer mit Vorsicht zu genießen, doch die schiere Häufung der negativen Beiträge in kurzer Zeit ist mehr als ein Indiz.

„Dieses Unternehmen ist leider ein Witz! Letzte Woche wurden über 35 MA einfach unmenschlich und auf sehr amerikanische Art gekündigt!“

Zitat von Kununu.de

Alles zentral mit dem Hintern einreißen?

Woran liegt es, dass während für Contorion angeblich ein Angebot über 120 Mio. EUR vorliegt, in Düsseldorf die Fetzen fliegen? Ein Grund könnte darin bestehen, dass die amerikanische Mutter langsam aber sicher ungeduldig wird. Während Zoro, wie Contorion, 2014 gestartet ist, erwirtschaftet Contorion heute fast das doppelte des Umsatzes (ca. 20 Mio. EUR vs. 40 Mio. EUR in 2016). Dabei dürfte in beide Unternehmen bereits ein ähnlicher Invest geflossen sein. Aber ist das nun ein Grund für Grainger, ungeduldig zu werden? Zoro ist die Speerspitze im deutschen, wenn nicht gar im europäischen Markt. Und um 20 Mio. EUR binnen zwei vollen Jahren zu wachsen vermag auch eine Leistung zu sein. Ein weiteres Kununu-Zitat legt die Vermutung nahe, das die Herren aus Chicago bzw. Lake Forest das Ruder in Düsseldorf übernommen haben:

„Entscheidungen werden nur noch vom Mutterkonzern getroffen die Vorgesetzten haben keinen Einfluss mehr und sind auf die wenigen Mitarbeiter die noch übrig sind angewiesen.“

Zitat von Kununu.de

Akklimatisierungsschwierigkeiten

Bereits letztes Jahr wurde der damalige Geschäftsführer Dirk Kiele-Dunsche durch den Amerikaner Seth Erickson ersetzt, der einst das Zoro Business in den USA aufgebaut hatte. Doch anders als in den USA setzt Zoro in Europa auf einer dürftigen Infrastruktur auf. Nur ein kleines eigenes Lager, dazu die auf Industrievertrieb ausgerichtete Logistik des 2011er Zukaufs Fabory in Benelux. Kontrastreicher könnten da die Voraussetzungen gegenüber Zoro in den USA oder MonotaRo in Japan nicht sein.

Zudem konnten die amerikanischen Zoro-Pioniere davon profitieren, dass man Grainger gleichzeitig auf den Direktvertrieb und die zeit- und ressourcenintensive Betreuung der EFG-Kunden verzichtete. Doch auch ohne diesen Sondereffekt: Der amerikanische und europäische Markt im MRO-Geschäft ticken anders. Nicht nur, dass Kunden in den Staaten meist bereits etwas besser durchdigitalisiert und eher bereit sind, online einzukaufen. Auch die große (und wachsende) Macht der Hersteller in Europa, vor allem in Deutschland, Home of the Werkzeug- und Befestigungstechnikhersteller, führt dazu, dass sowohl einkaufs- als auch vertriebsseitig andere Bedingungen herrschen als in den USA.

Der Hinweis, dass Entscheidungen vor allem von der Mutter getroffen werden, sorgt also nicht nur bei pubertierenden 14-jährigen für Verdruss, auch in Düsseldorf scheint es dazu zu führen, dass man sich nicht so entwickeln kann, wie man gerne möchte. Das Alkoholverbot für die Party kann man sich derzeit indes anscheinend sparen.

Graingers Aktienkurs hustet

Nachdem D.G. Macpherson zum 01.10.2016 den CEO-Posten von Jim Ryan übernahm, sah es so aus, als ob Grainger nichts bremsen könnte. Innerhalb von vier Monaten stieg der Kurs der Grainger-Aktie auf ein beinahe 3-Jahres-Rekordhoch von ca. 260 USD. Doch seit Februar fährt der Kurs in den Keller, wie sonst nur Eintracht Frankfurt nach der Winterpause. Mittlerweile ist er bei ca. 180 USD angekommen, so tief wie seit Juli 2012 nicht mehr. Da kann man dann schon mal nervös werden. Zuletzt gab es im Frühjahr einige schlechte Nachrichten, auch das durchwachsene Ergebnis aus 2016 wirkte auf viele Anleger unbefriedigend.

Symbolischer Abwärtstrend. Seit gut einem Jahr geht es für den Grainger-Kurs gen Keller (Quelle: Google/Onvista, Abruf am 15.05., Alle Angaben ohne Gewähr)
Symbolischer Abwärtstrend. Seit gut einem Jahr geht es für den Grainger-Kurs gen Keller (Quelle: Google/Onvista, Abruf am 15.05., Alle Angaben ohne Gewähr)

Ein Grund für die bescheidene Phase der Grainger-Entwicklung dürften noch immer die Akquisitionen von Cromwell und Fabory machen. Für Cromwell legte Grainger 2015 schlappe 440 Mio. US-Dollar auf den Tisch. Aus dem Marktumfeld in UK ist zu hören, dass in der Integration Cromwells in die Grainger-Welt wohl noch ordentlich zu tun ist.

Die Symptome für das Husten Graingers sind vielfältig. Eines davon schient eben die unentspannte herangehensweise mit Zoro in Deutschland zu sein. Aus den USA ist hingegen kein Rauchzeichen zu erkennen. Lediglich die Meldung einer neuen Pricingstrategie Graingers sorgte zuletzt für etwas aufsehen. Aus Japan, vom Vorzeigeunternehmen MonotaRo, ist dagegen garnichts zu hören. Dort schraubt man weiter an der Vorherrschaft in Japan und im südostasiatischen Raum.

What’s next?

All die Indizien lassen den Rückschluss zu, dass bei Grainger und Zoro in Europa aktuell mächtig Feuer unter der Haube ist. Allerdings lässt sich noch nicht sagen, ob dadurch am Ende die Suppe heiß ist oder der Herd abgefackelt. Daher sollte man noch nicht allzu früh das „Nahe Ende“ (Zitat Kununu) Zoros feiern.

Und eines darf man auch nicht missverstehen: Die Harakiri-Aktionen einer nervösen Aktiengesellschaft aus den USA im fernen Deutschland bedeuten nicht, dass der stationäre, traditionelle Fachhandel im B2B, speziell im MRO, in Deutschland den Hauch einer positiveren Zukunftsaussicht erhoffen darf.

Die Amerikaner sind sich sicher: Es muss noch viel mehr drin sein, als bislang aus dem deutschen Markt herausgeholt wurde. Contorion ist der beste Beweis dafür, von Mercateo oder Amazon Business ganz zu schweigen. Für die Entwicklung des Marktes wäre es auf jeden Fall spannend, würde Zoro mit mehr Dynamik zurückkehren.