Berlin, 05. Oktober 2017. Nach wie vor ist Contorion ein super Beispiel dafür, wie man im B2B E-Commerce ein vielversprechendes und auf eine Zielgruppe fokussiertes Unternehmen aufbaut. Es gibt wenige vergleichbare Geschichten, die sich immer und immer wieder erzählen lassen und bei denen man trotzdem bei jedem Mal etwas Neues dazulernen kann. Beim Digital Confession Drive im Rahmen der DMEXCO in Köln konnte ich Tobias Tschötsch, einer der Gründer und Geschäftsführer, bei unserer Stadtrunde durch Köln Fragen zu Contorion, der Entwicklung des Geschäftsmodells und der Übernahme durch Hoffmann stellen. Konsumierbar sind die Inhalte untenstehend als Transkription, als Video oder als Podcast.

Lennart: Bei mir ist ein ganz besonderer Gast. Tobias Tschötsch von Contorion. Wir haben hier auf der Dmexco schon ein paar Vortragsschlachten zusammen geschlagen. Jetzt sitzt er hier in unserem Mercedes Van auf der Fahrt zum Hauptbahnhof. Wir wollen jetzt noch ein bisschen über Contorion quatschen, aber bevor wir da einsteigen, für alle die dich noch nicht kennen: sag doch mal wer du bist und was du überhaupt machst.

Tobias: Mein Name ist Tobias Tschötsch. Ich bin Gründer von Contorion. Vom Hintergrund bin ich BWLer. Nach dem Master hatte ich schon mal etwas mitgegründet: CityDeal in London. Das war schon eine relativ spannende und wilde Zeit, wir wurden von Groupon übernommen und sind dann an die Börse gegangen, an den Nasdaq. Danach gab es dann auch nicht so gute Zeiten, wir sind nicht gewachsen und waren nicht profitabel. Dort war ich insgesamt 4,5 Jahre, dann habe ich mich wieder in eine neue Schlacht begeben: Contorion. Wir sind drei Gründer, ich bin zuständig für Vertrieb und Customer Service, also alles, was Customer-facing ist. Darüber hinaus die Logistik und das Product Management, also im klassischen Start-up-Sinne, das Feature-Set auf der Website.

Lennart: Ihr habt Contorion im April 2014 gegründet, das heißt ihr seid nun auch schon 3,5 Jahre alt. Zuletzt seid ihr akquiriert worden durch eine der Größen am Werkzeugmarkt, Hoffmann. Darüber wollen wir sicherlich auch sprechen, um den Spannungsbogen jedoch hochzuhalten: wie ist jetzt so die Entwicklung bei Contorion. Du warst im März beim Digital Commerce Day in Hamburg, hast dort einen Einblick in eure Entwicklung gegeben. Wie sieht es heute aus, ein halbes Jahr später? Wie läuft es bei Contorion?

Tobias: So, wie wir uns das im Business Plan vorgenommen haben. Wir haben, so wie das auch in der Pressemitteilung zum ersten Halbjahr stand, 20 Mio. Umsatz gemacht und sind weiter on Track, das Ziel dieses Jahr, Mitte 40 bis 50 Mio. Euro Umsatz zu erfüllen. Beim Wachstum ist die Run-Rate natürlich schon weiter, wie sie in der ersten Jahreshälfte war. Bekanntlich kommen ja jetzt auch die Leute zurück aus den Sommerferien und im Werkzeuggeschäft sind ja September, Oktober, November und Dezember die Monate, von denen man sagt: das Jahr teilt sich in die Monate 1-8 und 9-12. So merken wir das auch. Dementsprechend sind wir mit der Entwicklung von Contorion voll im Plan.

„Wir haben, so wie das auch in der Pressemitteilung zum ersten Halbjahr stand, 20 Mio. Umsatz gemacht und sind weiter on Track, das Ziel dieses Jahr, Mitte 40 bis 50 Mio. Euro Umsatz zu erfüllen.“

Tobias Tschötsch, Contorion

Lennart: Ich habe dich gestern schon gefragt: Was ist das, was Contorion so auszeichnet, wenn man sich den Markt anschaut, seid ihr mit Sicherheit im Online-Werkzeughandel nicht nur das prominenteste Beispiel, sondern auch das, das am besten performt. Wo liegen da die Unterschiede aus deiner Sicht?

Tobias: Eine Sache, die wichtig ist, ist das Sortiment und der Fokus im Sortiment auf unsere Kernzielgruppen zu gehen. Also Handwerker in unseren Kerngewerke Holz, Bau, Metall, Industrie und ein paar andere. Am Anfang haben wir sehr breit angefangen und gesagt, wir können nicht für jeden in kurzer Zeit das perfekte Sortiment hinbekommen. Da gibt es zu viele Marken und die Produkte aufzubereiten ist auch nochmal ein Thema. Wir haben uns auf unsere wichtigen und großen Industrien, Branchen und Gewerke fokussiert und mit diesem Fokus das Sortiment ausgebaut. Für die, auf die wir uns konzentrieren, haben wir ein rundes Sortiment, auch mit Premiummarken, die es auch nicht überall gibt. Ich glaube, das ist für unsere Kunden erst mal wichtig. Zweiter Kernfaktor ist unser Multichannel-Ansatz. Das wir unseren Kunden nicht rein anonym in der Online-Welt behandeln, sondern dass wir ihn auch mit unseren Firmenkunden-Betreuern betreuen und anrufen, wenn er das Potenzial hat nun auch mit Print in verschiedenen Arten zu bespielen und zwar spitz aufbereitet auf die jeweilige Branche. Es gibt noch viele andere Faktoren und die Daten, die darunterliegen sind der Enabler, die Kunden zu gewinnen und zu segmentieren.

Lennart: Ich bin ja als Contorion-Fanboy verrufen, weil ich immer auf euch referenziere und euch als positives Beispiel verwende und euch feature. Deshalb gehen wohl einige davon aus, dass ich in Contorion Bettwäsche schlafe, was ich übrigens nicht tue. Es gibt keine Contorion Bettwäsche. Spaß beiseite, was sind denn Dinge, die bei euch heute vielleicht noch nicht so laufen wie ihr euch das vorstellt oder wo ihr merkt, dass sie für euch sehr schwierig abzubilden sind?

Tobias: Das Thema Produktdaten, eines der größten Themen.

Lennart: Seid ihr zufrieden, wie die Qualität heute ist?

Tobias: In der Breite sind wir schon mal nicht zufrieden, wie wir die Daten bekommen. Da ist die Spanne vom vernünftigen BMEcat bis hin zu pdfs, wo wir die Daten rauskopieren und die Facetten selbst anlegen müssen. Das Endresultat, dadurch, dass es so eine große Spanne ist, ist, dass die Abdeckung durch Filter und die Filterbarkeit, die wichtig ist, nicht zufriedenstellend ist. Die ist sicher besser als bei bestimmten anderen Shops, aber sicherlich schlechter als in weit entwickelten B2C Shops. Da sind wir dran, da ist man aber nie fertig und wir kommen nie auf eine 100% Filterabdeckung.

Lennart: Mit wie vielen Leuten arbeitet ihr an dem Thema Produktdaten? Wie viel Manpower braucht ihr, um das Thema glatt zu ziehen?

Tobias: Das sind so 10 Leute, die permanent an dem Thema arbeiten.

Lennart: Worüber wir gestern nicht so gesprochen haben, da ich mir das für diese Stadtfahrt aufsparen wollte, ist das Thema eurer Marke Stier. Ihr habt mit Malervlies begonnen und habt die Palette mittlerweile ganz schön aufgestockt. Man sieht, dass Stier immer stärker im Vordergrund steht. Zumindest in den Newslettern, die ich bekomme. Wie ist da eure Erfahrung? Das läuft ja schon ein Jahr, wie zahlt sich eure Eigenmarkenstrategie aus?

Tobias: Das funktioniert für uns sehr gut, darum haben wir das auch ausgebaut. Das Geschäft mit A-Marken online, vor allem im Bereich Elektrowerkzeuge, ist nicht margenstark und dementsprechend muss man Wege finden, um die margenschwachen Kategorien mit margenstarken zu unterfüttern. Das geht zum einen über Verbrauchsmaterial, andererseits über die Eigenmarke. Das war eine der Ideen, eine andere war, dass wir daran glauben, dass wir die Sicherheit bekommen haben, dass wir da an qualitativ gute Ware rankommen. Dazu haben wir uns jemanden geholt, der vorher bei einem Direktvertreiber den Einkauf geleitet hat. Die Qualität, die die Direktvertreiber da vertreiben, die ist schon gut. Aber, das können wir zu einem wesentlich günstigeren Preis und wir verdienen damit trotzdem noch eine ordentliche Marge. Das heißt, wir können dem Kunden eine gute Qualität zu einem echt fairen Preis liefern. Dafür steht ja auch Stier: Gute Qualität zum fairen Preis. Das läuft bisher sehr gut und kommt dann auch gut beim Kunden an. Die Produkte, die von Stier gekauft werden, werden wieder gekauft.

Lennart: Wie viele Produkte umfasst das Sortiment von Stier mittlerweile?

Tobias: Wir sind jetzt bei einer hohen, dreistelligen Anzahl an SKUs.

Lennart: Wie ist es in der Kundenwahrnehmung? Welches Feedback bekommt ihr auf eure Marke und eure Produkte? Das ist ja letztendlich ausschlaggebend.

Tobias: Wir kommunizieren Stier nicht aggressiv als unsere Eigenmarke, sondern als eine Marke in unserem Portfolio. Dementsprechend gibt es dazu kein gesondertes Feedback. Wir messen die Markenwahrnehmung und Markenbekanntheit in unseren Markenrankings, die wir auch teilweise veröffentlichen. Da ist Stier mittlerweile schon so weit, dass wir da nicht auf irgendeinem abgeschlagenen Platz liegen, sondern oft auf Plätzen hinter den Topmarken, wie z.B. Gedore, Hazet oder Stahlwille im Handwerkzeugbereich, vor anderen Eigenmarken, die wir vertreiben, z.B. von Einkaufsgenossenschaften. Ich glaube, wir machen einen ganz guten Fortschritt, was angeht, die Marke im Markt und bei den Kunden zu platzieren.

„Wir kommunizieren Stier nicht aggressiv als unsere Eigenmarke, sondern als eine Marke in unserem Portfolio.“

Tobias Tschötsch, Contorion

Lennart: Gibt es da Feedback von Herstellern? Ihr habt ja mittlerweile über 100 direkte Kooperationen mit Herstellern, einige Hersteller sind bei euch sehr präsent und sind auch zum Teil sehr positiv auf euch eingestellt, wo es ja 2014 und 2015 noch ein paar Berührungsängste gab. Wie ist da das Feedback zur Eigenmarkenstrategie?

Tobias: Ich weiß nicht, ob man „positiv“ sagen kann. Wenn man das zur Wahl stellen würde, würde der Hersteller wahrscheinlich sagen: Lieber nicht. Aber da haben wir das Glück, dass traditionelle Händler im Markt dort schon Vorarbeit geleistet haben. Es ist total üblich, dass große Großhändler oder Einkaufsgenossenschaften Eigenmarken haben. Es ist auch im B2C-Bereich total normal, dass Händler Eigenmarken rausbringen. Das war nie wirklich ein Diskussionspunkt, den ein Hersteller hervorgebracht hat. Das ist einfach total üblich im Markt, da mussten wir keine Pionier- oder Überzeugungsarbeit leisten.

Lennart: Wie ist generell die Zusammenarbeit mit den Herstellern, wie entwickelt sich das 2017? Gab es dieses Jahr nochmal einen positiven Vorschub in diesem Thema? Gehen noch mehr Hersteller auf euch zu?

Tobias: Klar, wir haben mehr Herstelleranfragen und wir müssen keine Überzeugungsarbeit mehr leisten. Das entwickelt sich auch weiter so. In diesem Jahr ist Husqvarna dazugekommen. Viel Garten und Forst, die Saison ist dort ja schon im Frühjahr. Wir haben sehr gutes Geschäft gemacht und haben eine sehr gute Zusammenarbeit. Wir haben gemeinsame Aktionen geplant, gerade zu Automowern beispielsweise, die auch eng mit dem Hersteller abgestimmt waren. Wenn die Hersteller dazu bereit sind und enge Zusammenarbeit wollen, haben wir das auch weiter ausgebaut. Wir haben auch mit anderen Marken dort Pakete geschnürt, dass wir gemeinsam Aktionen fahren.

Lennart: Was muss man denn aus eurer Sicht – und da meine ich gar nicht so eure Start-up Sicht – sondern eure Sicht als Fachhändler, der digital sehr aktiv ist, so ein Hersteller bringen, um euch eine Herausragende Zusammenarbeit anbieten zu können? Wahrscheinlich irgendwie WKZs, es gibt dann vielleicht irgendwelche exklusiven Produktinformationen, Daten oder Bilder. Was siehst du da noch, was würdet ihr euch denn von einem Hersteller dort wünschen?

Tobias: Für uns ist erst mal das Online Suchvolumen sehr wichtig. Das ist ein Fixpunkt, wenn wir ein Gespräch mit einer Marke starten. Wir können Google nicht von heute auf morgen ändern. Marke, die selbst in ihre Bekanntheit investieren, das hilft jedem Händler. Sowohl vom Suchvolumen und der Präsenz, als auch was die Produkte angeht. Wir können sogar die Unterschiede nach Marke messen, wie oft sie wieder gekauft wird, was für uns z.B. sehr wichtig ist. Da sind die Marken unterschiedlich gut. Das ist nichts, was sie von heute auf morgen ändern können. Darüber hinaus sind Produktdaten natürlich massiv wichtig für uns, wir legen das jedem Hersteller nahe, daran zu arbeiten. Davon profitieren auch andere Händler, damit haben wir aber keine Bauchschmerzen. Da geht es am Ende um den Kunden und dass er das richtige Produkt findet. Wenn er das nicht findet, dann kauft er es nicht oder er kauft es von einer anderen Marke oder er kauft es offline. Klar, WKZs sind auch hilfreich und wichtig. Aber für WKZs gibt es ja eine Gegenleistung. Klar legen wir das auch jeder Marke ans Herz.

Lennart: Es gibt eine Gegenleistung für WKZs, die gab es ja schon immer. Als Kritiker würde ich das jetzt sagen. Wie ist das bei euch? Ist die besser nachvollziehbar? Könnt ihr z.B. Marken und Herstellern Reports, wie die Kampagnen performen und legt ihr Zeugnis ab, wie der ROI auf den WKZ ist?

Tobias: Wir haben kein fertiges Template, dass dann jeder automatisch bekommt. Wir machen aber diese Auswertungen. Es ist nicht so, dass das jeder Hersteller braucht oder fordert oder verarbeiten kann. Die die es können, da bereiten wir es auf.

Lennart: Wenn es also jemand zur Bedingung macht, ist es für euch kein Problem?

Tobias: Wir teilen auch gerne die Daten, natürlich nicht kundenspezifisch, sondern aggregiert. Z.B. über Newsletter Openings, Click-Throughs, Conversion Rates. Dann kann man das natürlich Benchmarken mit dem gesamten Newsletter, damit der Hersteller weiß ob es gut oder schlecht läuft.

„Wir teilen auch gerne die Daten, natürlich nicht kundenspezifisch, sondern aggregiert. Z.B. über Newsletter Openings, Click-Throughs, Conversion Rates. Dann kann man das natürlich Benchmarken mit dem gesamten Newsletter, damit der Hersteller weiß ob es gut oder schlecht läuft.“

Tobias Tschötsch, Contorion

Lennart: Das ist ein spannender Ansatz. Aus dem klassischen Geschäft kenne ich das noch so, dass WKZ ein Betrag ist, den man überweißt, ohne wirklich zu hinterfragen. Das passiert sehr stark auf Vertrauensbasis. Es gibt ja schon Geschäftsmodelle, die nur von diesen WKZs leben.

Tobias: Das ist bei uns nicht so. Wir haben unseren WKZ ja auch schon, bevor wir die Kampagne starten. Wir haben verschiedene Pakete, was man machen kann, die sind dann schon sehr konkret. An den jeweiligen Paketen stehen konkrete Maßnahmen. Man muss nicht einen Betrag überweisen und dann blind vertrauen. Es ist schon relativ konkret festgehalten, was dann damit passiert.

Lennart: Womit sich viele Hersteller beschäftigen im Moment ist das Thema „Wie kriege ich meinen Premium-Ansatz online transportiert?“. Wie ist da eure Erfahrung, was sind die Anforderungen, wie eine Marke transportiert wird auf eurer Plattform? Was wäre dein Tipp, was muss ich als Hersteller alles tun, um meinem Premium-Anspruch auch digital gerecht zu werden?

Tobias: Ich glaube, dass schon ein Stück weit selektiver Vertrieb online Sinn macht. Nehmen wir mal konkret die Marke Festool oder Husqvarna. Die haben beide selektiven Vertrieb und wenn man das gegenüber anderen Marken nimmt und misst, dann merken wir, die geraten viel mehr in den online Preisdruck. Das will kein Hersteller und das will kein Händler. Klar kann der Hersteller nicht die Preise kontrollieren, aber er kann einen selektiven Vertrieb machen und dafür sorgen, dass seine Marke nicht auf Seiten landet, die nicht vertrauenswürdig ist oder nicht gut aussieht oder generell immer der günstigste ist. Das kann man steuern. Wir arbeiten mit den Herstellern zusammen, wenn wir die Markenseiten erstellen. Da gibt es Hersteller, die großen Wert darauf legen, dass es konform ist mit ihrem CI, was Farbe, Bilder etc. angeht. Das macht mit Sicherheit beim Kunden auch einen anderen Eindruck, wie wenn der Hersteller sich nicht darum schert und es überall anders aussieht.

„Ich glaube, dass schon ein Stück weit selektiver Vertrieb online Sinn macht.“

Tobias Tschötsch, Contorion

Lennart: Das sind dann also die klassischen Hebel, die ein Hersteller hat: Vertriebssteuerung, Content und Produktdaten.

Tobias: Bei Festool beispielsweise gibt es Produktvideos von den wichtigen Produkten, die wir direkt in der Produktdetailseite eingebunden haben. Da kann man dann einzeln kucken, wie die Produkte in der Anwendung funktionieren, das unterstützt natürlich auch die Marke.

Lennart: Also in Multimedia / Video Content zu investieren ist auf jeden Fall sinnvoll. Ein anderer Punkt, den ich noch ganz spannend finde ist folgender: Wenn ich mir als Hersteller überlege, selbst einen digitalen Service zu entwickeln, z.B. als Werkzeughersteller bei Messgeräten Kalibrierung oder bei Zerspanungswerkzeugen Nachschleifen, macht es Sinn, so etwas in einer API-Logik zu bauen, um so etwas zukünftig bei Händlern wie euch integrieren zu können?

Tobias: Absolut, auch genau die Beispiele, die du bringst. Wären die konkret, würden wir die sofort einbinden. Wenn wir das per API leicht ansteuern können, die Daten leicht austauschen und übergeben können, dann würden wir das definitiv machen.

Lennart: Siehst du Trends, bei denen du sagst, das geht jetzt über das ganze Content-Thema hinaus? Wenn wir mal ehrlich sind, ist das ja Transpiration, wenig Inspiration. Ich muss Bilder machen, die Produktdaten glattziehen, Videos machen und dann vielleicht noch ein paar Prosatexte schreiben, dann habe ich aber auch schon 80%. Siehst du darüber hinaus etwas?

Tobias: Ja, das gibt es. Ein paar Premiumhersteller haben jetzt vor, z.B. mit einem eigenen Team Anwendungsberatung beim Kunden zu machen. Wenn man sich das leisten kann, ist es natürlich schon sehr markenstützen, da man ja einen Mehrwert direkt vor Ort beim Kunden liefert. Das machen andere nicht. Das finde ich einen super Ansatz, der im Zusammenspiel mit Onlinehändlern natürlich noch mehr hilft, wie wenn ich ein Händler bin, der einen eigenen, großen Außendienst hat.

Lennart: Euer Geschäftsmodell hat sich gewandelt vom Marktplatz zum digitalen Fachhändler. Siehst du noch Sinn darin, überhaupt einen vertikalen Marktplatzansatz zu machen in dem Werkzeug- und Befestigungsmaterialmarkt. Glaubst du, dass es neben Amazon Business da noch jemanden geben kann?

Tobias: Der Markt ist schon recht groß. Allerdings ist er mit den Produkten, die im ersten Schritt online gekauft werden, nicht sehr margenstark. Da ist es extrem schwierig, das wirtschaftlich zu betreiben. Das ist der größere Knackpunkt. Wenn man das als Marktplatz macht und Händler angebunden hat, muss man die Marge nochmal teilen. Dann hat man das Problem, dass man mehr Pakete schickt, als wenn man es aus einem Lager schickt. Ich gehe also mit geringerer Marge rein und lege höhere Logistikkosten drauf. Das macht es echt schwierig, das haben wir am Anfang auch gemerkt.  Der Kunde kriegt mehrere Pakete, das ist auch nicht ideal. Von der Customer Experience her ist das aber vielleicht verkraftbar. Wirtschaftlich ist das aber schwierig.

„Der Markt ist schon recht groß. Allerdings ist er mit den Produkten, die im ersten Schritt online gekauft werden, nicht sehr margenstark. Da ist es extrem schwierig, das wirtschaftlich zu betreiben.“

Tobias Tschötsch, Contorion

Lennart: Lass uns zum Schluss noch mal auf eines der am heißesten diskutierten Themen kommen, die es momentan in der Branche gibt: Die Übernahme durch Hoffmann. Was hat sich in den letzten zwei Monaten geändert?

Tobias: Wir arbeiten ja weiterhin eigenständig. Wir erfüllen unsere Business Plan und haben als Gründerteam innerhalb des Business Plans die Freiheit, im Wesentlichen selbst zu entscheiden. Natürlich mit gewissen Kontroll- und Feedbackmechanismen. Diese gab es aber vorher mit den Investoren auch schon. In dem Sinne, und wie wir unser Geschäft oder die Mitarbeiter steuern, hat sich nichts geändert. Für die Mitarbeiter ist die Arbeitsatmosphäre und alles drum herum im Wesentlichen gleichgeblieben. Der Deal wurde ja bei Signing bekannt gegeben, dann musste die Kartellbehörde noch zustimmen. Closing war erst vor ein paar Wochen, seitdem haben wir dann intensiver angefangen, an Synergien zu arbeiten. Hoffmann hat natürlich extrem tiefes Produkt Know-How, Logistikkompetenz, etc. Das wird, hoffen wir natürlich, uns in den nächsten Monaten und Jahren nochmal einen Boost geben. Das war auch ein Grund, warum wir daran geglaubt haben, dass das ein besserer Deal ist, als nur Geld aufzunehmen. Wir haben jetzt einen Partner, der uns finanziell helfen kann, aber auch nochmal was Anderes dazu bringt.

„Wir arbeiten ja weiterhin eigenständig. Wir erfüllen unsere Business Plan und haben als Gründerteam innerhalb des Business Plans die Freiheit, im Wesentlichen selbst zu entscheiden. Natürlich mit gewissen Kontroll- und Feedbackmechanismen. Diese gab es aber vorher mit den Investoren auch schon.“

Tobias Tschötsch, Contorion

Lennart: Was glaubst du denn, wie wird sich dieser Gesamtmarkt Werkzeug/Befestigungstechnik entwickeln in den nächsten Jahren? Es gibt ja die Verticals, so wie Würth oder Hilti, die auch mordsmäßig wachsen, on- und offline. Dann die ganzen Fachhändler, die es ein wenig schwerer haben. Hoffmann würde ich mal als Händler dazuzählen, der sich stark in Richtung Vertical entwickelt. Die mit Holex und Garant auch Eigenmarken etabliert hat, die z.T. von Kunden wie Herstellermarken gesehen werden und dort schon auf Augenhöhe sind. Was ist deine Aussicht für den Markt? Wo wird der sich hin entwickeln?

Tobias: Die jeweiligen Platzhirsche in ihrem Channel werden durch die neuen gechallenged. Der Platzhirsch im offline Channel ist meinetwegen Würth und wir machen jetzt auch Print und machen jetzt als Onliner auch etwas in diesem Kanal. Es wird spannend sein zu beobachten, welche Reibung dort entsteht. Gleichzeitig glaube ich daran, dass Hilti, Würth, etc. sich stärker dem Online-Kanal widmen. Da zähle ich uns, obwohl wir viel kleiner sind, mal als Platzhirsch. Da ist dann der traditionelle der Challenger. Die Kanäle werden immer stärker verschmelzen, im B2B viel stärker als im B2C. Man wird den Kunden über die verschiedenen Kanäle bespielen und abholen müssen. Dadurch gibt es einfach eine Konkurrenz an mehreren Fronten, zu denen jeder seine eigenen Kompetenzen mitbringt. Da sind die größeren Spieler im Markt im Vorteil. Je kleiner man wird, desto schwieriger wird es.  Da muss man dann versuchen, zu konsolidieren, sonst wird es problematisch. Der Markt ist nach wie vor sehr stark fragmentiert und für die ganz kleinen entsteht durch die großen mehr Konkurrenz und sie bekommen schneller Probleme.

Lennart: Wenn man euch und die Übernahme anschaut, gab es ja sehr gemischte Reaktionen. Manche, mindestens 50%, sagen, Hoffmann hat sich ja nur einen Online Shop gekauft, der ja nicht so signifikanten Umsatz, macht, dass es die Topline der Hoffmann Group auf das nächste Level hievt. Kannst du vielleicht zum Abschluss nochmal sagen: Was hat Hoffmann davon, euch gekauft zu haben?

Tobias: Auch wenn wir jetzt noch nicht annährend so groß sind wie Hoffmann oder andere große Spieler am Markt, auf den Stand zu kommen ist nicht total einfach. Ob das nun Technologie und Daten sind oder jetzt mittlerweile auch andere Elemente, die in andere Kanäle reingehen. Das alles zusammen zu bekommen und zu beherrschen, da hat man nicht einfach mal den Blueprint, den man anwenden kann und fertig. Sich da jemand zu holen, der schon so weit ist, vielleicht sogar an einem anderen Standort, ist vielleicht gar nicht so schlecht. Da ist das Risiko, dass irgendetwas vermischt oder ausgebremst wird, wesentlich geringer. Ich glaube auch, dass es ein langfristiger Gedanke ist. Wir haben einen Business Plan, an den glauben wir und an den glaubt auch der Käufer.

Lennart: Vielen Dank! Wer dich und Dr. Stieger, CDO der Hoffmann Group, mal live sehen will, der kommt auf den Digital Commerce Day in Stuttgart am 02. und 03. November, u.a. auch mit Würth und Berner. Du musst aussteigen, hier wird schon gehupt. Vielen Dank!