Die digitale Beschaffung in der Bauwirtschaft mit Jannes Viebrock (Inpera)

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Unternehmen der Baubranche, ganz gleich in welcher Stufe der Wertschöpfungskette, sind Zauderer, wenn es um die Digitalisierung geht. Die etablierten Unternehmen kratzen an der Oberfläche der digitalen Möglichkeiten, mehr als in anderen Branchen werden technologische Potenziale auf der Straße liegen gelassen. Die Baubranche und ihre Wertschöpfungskette sind überdurchschnittlich komplex, was sich selbstverständlich in den Prozessen niederschlägt. Die Ineffizienz im Bau-Beschaffungsprozess ist Inperas Opportunität. Ihr Gründer, Jannes Viebrock, ist angetreten, dieses Opportunität zu ergreifen. Mit über 12 Jahren Erfahrung in der Baubranche einerseits, in der Produktion und Logistik im Rahmen der Automotive-Serienfertigung andererseits, scheint er prädestiniert für diese Aufgabe.

Die digitale Beschaffung in der Bauwirtschaft mit Jannes Viebrock (Inpera)
Das Interview als YouTube-Video

„Das war ein ganz bewusster Schritt. Ich konnte im Baustoffhandel nie akzeptieren, dass für ein Projekt, das zwei bis drei Jahre zuvor geplant wird, am Ende das Material für den nächsten Tag bestellt wird und im schlimmsten Fall die Baustelle stehenbleibt.“

Jannes Viebrock über einen der Gründe für die Inpera-Gründung
Der Podcast auf Soundcloud (auch bei Itunes erhältlich)

Was ist Inpera?

Inpera ist eine digitale Beschaffungslösung für die Bauindustrie und sieht sich selbst als Technologieanbieter, als Software-as-a-Service-Lösung. Inpera nimmt keinen Einfluss auf das Pricing, ist kein Händler und keine B2B-Marktplatz-Copy-Cat, wie man es vielleicht auf den ersten Blick erwarten würde. Anders als der „disruptive“ Plattformansatz in anderen Branchen versucht Inpera, den dreistufigen Vertrieb im Baustoffhandel zu digitalisieren. Auch wenn der Druck der Digitalisierung auf den Baustoffhandel massiv ansteigt, aufgrund der besonderen Bedeutung regionaler Logistik nimmt der Handel im Baustoffbereich nach wie vor eine große Rolle ein.

Klassischer Online Shop E-Commerce hilft Baustoffhändlern nur bedingt weiter. Bei den großen Volumen im Baustoffhandel geht es nicht darum, einen Sack Fugenmörtel möglichst schön online anzupreisen oder günstig von Flensburg nach Garmisch schicken zu können. Nicht nur durch die Bedeutung der regionalen Logistik im Baustoffbereich ist die Lieferantentreue im Baustoffbereich ist selbst für B2B-Standards überdurchschnittlich hoch. Unter anderem sorgen Gewährleistungsvorschriften zusätzlich dafür, dass bei systematischer Produktverwendung konsequent zu Produkten eines Herstellers gegriffen wird. Jannes drückt die Rolle Inperas so aus:

„Wir beschränken uns nicht nur auf das Material, wir setzen einen Anker in der Wertschöpfungskette bzw. im Wertschöpfungsnetzwerk genau da, wo die operative Beschaffung für Unternehmen beginnt.“

Jannes Viebrock über die Rolle Inperas in der Beschaffung am Bau

In der Regel gibt es für Bauprojekte einen Generalunternehmer (GU), der z.B. den Rohbau selbst ausführt, weiter Arbeiten, wie den Innenausbau, jedoch ausschreibt. Inpera will diese „Nachunternehmer“ über seine Plattform mit den GUs auf der „Buy Side“ der Plattform vernetzen. „Multilaterale Integration der Gewerke im Projekt“, erklärt Jannes. In der intransparenten und ineffizienten Baubranche will Inpera so Transparenz und Effizienz schaffen – zwei einfache, aber mächtige Hebel für das Plattformgeschäftsmodell. Die Transparenz bezieht sich auf die Steuerung der Informationen im Projekt, nicht unbedingt auf klassische Handelsthemen wie den Preis. Händler und Hersteller bilden die „Sell Side“ der Plattform. Über Inpera managen dann die „Buyer“, also GUs und Nachunternehmer, ihre „Seller“, Händler und Hersteller. Hierfür gibt es heute noch keine Branchenübergreifenden Lösungen. Ein Satz, den Jannes oft von potenziellen „Buyern“ über deren klassische Einkaufssysteme hört:

„Ja, Herr Viebrock, es ist wunderbar, ich kann ganz toll Kugelschreiber bestellen, aber keine Baustoffe. Mir fehlen die digitalen Schnittstellen in die Handelslandschaft.“

Jannes Viebrock über Herausforderungen von Einkäufern in der Bauwirtschaft

Inpera arbeitet daher derzeit an technologischen Durchstößen, wie Händlerschnittstellen. Im ersten Schritt soll so z.B. der Informations-Workflow im Angebotsprozess gesteuert werden. Wenn Händler z.B. in der Lage sind, aktuelle Warenbestände sauber zu übermitteln (im Baustoffhandel eher die Ausnahme als die Regel), können diese für Forecasts in Bauprojekten genutzt werden.

Onboarding von Bauunternehmen

Bauunternehmer werden auf Inpera derzeit individuell „ongeboarded“. Sie bringen ihre Lieferanten und Konditionen mit. Sind sie einmal auf der Plattform, können Sie auf Inperas gesamtes Lieferantennetzwerk zugreifen, z.B. für Spezialanfragen. Der dreistufige Vertrieb ist wie folgt auf Inpera abgebildet: Bauunternehmer fragen bei Herstellern größere Volumen an, die Hersteller machen den Bauunternehmern ein Angebot, der regionale Händler wickelt die Bestellung (inkl. Rechnung) ab. Der Mehrwert von Inpera liegt in der zentralen Koordination der Transaktion. In einem Testprojekt, das nach diesem Schema aufgesetzt war, konnten über Inpera beispielsweise zwei Drittel der Rechnungen, allesamt fehlerhaft, erkannt und herausgefiltert werden. Das Bauunternehmen hatte somit keinen Prüfungsaufwand mehr.

Inpera dient somit in erster Linie der Digitalisierung des Kerngeschäfts von Bauunternehmen mit Fokus auf Produktivitäts- und Effizienzsteigerung. Die Grund-Services von Inpera sind für Buyer kostenlos, für die Nutzung der Plattform gibt es Software-Abo-Varianten. Händler bezahlen eine geringe Gebühr, um die Plattform zu nutzen. Der Treiber von Inperas Pricing-Modell ist die Kostenersparnis für Unternehmen, die dafür deutlich über dem liegen muss, was Unternehmen für das Software-Abo zahlen müssen.

Voraussetzungen für Händler

Die Verfügbarkeit von Basics wie aktuellen Warenbeständen pro Lager oder sauberer Produktdaten ist im Baustoffhandel unterdurchschnittlich. Zumindest eine Artikelnummer braucht Inpera, um einen Händler onboarden zu können, wenn auch über 50% der Baustoff-Artikel keine EAN besitzen. Diese wird gegen den zentralen Inpera-Artikelstamm gematcht. Als niedrigste Einstiegsbarriere für Händler dient eine auszufüllende Excel-Tabelle für das Daten-Onboarding und ein E-Mail-Workflow für die Kommunikation. Händler können also sehr niedrigschwellig einsteigen.

„Es ist […] für uns wichtig gewesen, dass ein Händler nicht erst viel investieren muss, um zu profitieren, sondern dass sich erstmal gegenseitig kennengelernt werden kann und dann hinten heraus investiert wird.“

Jannes Viebrock über die Philosophie für niedrigschwelligen Händlereinstieg

Plattform aus Herstellersicht

Für die Datenbelieferung arbeitet Inpera mit einem zentralen Datenlieferant aus der Baubranche. Hierfür besteht eine dynamische Schnittstelle, über die Aktualisierungen im Datenbestand herstellerübergreifend automatisch synchronisiert werden. Um sich möglichst unabhängig von der Datenstruktur zu machen, hat Inpera sich für einen technologiebasierten Ansatz entschieden. Die Produktdaten reichert Inpera an. Um für Hersteller attraktiv zu sein, arbeitet Inpera vor allem an zwei Bereichen: Der Abbildung des komplexen Streckengeschäfts und des Angebotsprozesses im Objektgeschäft. Gerade letzterer Prozess ist heute ein großer Schmerzpunkt für alle Beteiligten und kann digital sehr stark vereinfacht werden.

„Ich würde mal vorsichtig sagen, auch in den nächsten zehn Jahren wird es keinen Standard geben, auf den sich die Hersteller einigen. Wir sind wir noch sehr weit weg davon.“

Jannes Viebrock sieht auch langfristig keinen Standard im Datenbereich

Die Entwicklung von BIM

Das Thema Building Information Modeling (BIM) ist nicht gänzlich neu für die Baubrache, trotzdem hat es sich in der Breite noch nicht durchgesetzt. Für Jannes ist klar, dass damit die Planbarkeit deutlich besser und Prozesse schlanker werden. Einerseits, da alle Fachplaner in einem Datenmodell arbeiten, andererseits, da alle Daten sehr früh in einem Projekt zur Verfügung gestellt werden. Für Jannes ist das die Voraussetzung, sauber arbeiten zu können. Als dritten Aspekt sieht Jannes die Vernetzung, die mit BIM einhergeht. Während andere Länder deutlich weiter im BIM-Thema sind, zieht Deutschland gerade nach und macht BIM im Bereich öffentliche Infrastruktur ab 2020 zur Pflicht.

Damit sich BIM in der Breite etablieren kann, sind noch einige Hürden zu nehmen. Die Honorarordnung, die heute im Baubereich besteht, ist noch nicht auf die BIM-Verwendung angepasst. Höhere Aufwände in der BIM-basierten Planung, die Aufwände in der Ausführung reduzieren sollen, werden nicht berücksichtigt. Eine weitere Hürde in die Bau-übergreifende BIM-Welt sind die etablierten Prozesse und Workflows, die teilweise sogar eine rechtliche Relevanz, z.B. hinsichtlich Haftung, besitzen. Gerade für kleinere Unternehmen und Planungsbüros, von denen es im stark fragmentierten deutschen Markt viele gibt, sind hier stark herausgefordert. Größere Unternehmen arbeiten schon heute komplett digital, wenn es um die Planung geht. Die digitale Planung zieht sich bis in die Beschaffung, z.B. die automatisierte Erstellung von Ausschreibungstexten. Möglich ist dies heute nur mit einem eigens dafür aufgebauten Datenstamm.

Wie digital wird Bau?

Die visionäre Verwendung neuer Verfahren und Technologien macht auch vor der Baubranche nicht halt. 3D-Druck im Betonbau ist zwar noch im Experimentierstatus, doch Anwendungen wie Mauern sind in der Automatisierung schon fortgeschritten. Andererseits besteht ein Trend zu immer mehr Betonfertigteilen, die unter industriellen Bedingungen gefertigt und auf die Baustelle transportiert werden. Egal ob 3D-Druck, Mauer-Roboter oder Betonfertigteile: Einer der Haupttreiber ist der entstehende Fachkräftemangel am Bau. Vor der großen Digitialrevolution am Bau sieht Jannes aber vor allem Effizienzsteigerung in bestehenden Prozessen. Er sieht eine ähnliche Evolution wie in der Automobilindustrie. Ingesamt ist Bauen dank vieler Normen und Regeln jedoch ein sehr komplexes Thema.

Venture Capital vs. strategische Investoren in der Bauindustrie

Nicht zuletzt der großen Komplexität der Baubranche ist es geschuldet, dass es Quereinsteiger schwer haben. Der Markt erscheint auf den ersten Blick wie ein Venture Capitel Eldorado: fragmentierter Markt, sehr geringe Digitalisierungsquote. Das richtige Geschäftsmodell zu finden ist jedoch eine große Herausforderung. Auch Inpera erhält verstärkt Anfragen von Venture-Capital-Gebern.

Durch die großen Investitionen in Technologie ist der Aufbau auch ziemlich kapitalintensiv, doch die gefühlte Undurchdringlichkeit der Baubranche mit all ihren Spezialthemen hat bei Inpera dazu geführt, sich eher nach strategischen Investoren umzusehen. Vom strategischen Austausch verspricht sich Inpera viel. Damit die Zusammenarbeit mit den Strategen funktioniert, müssen Spielregeln gefunden und eingehalten werden, damit das Start-up nicht zum „Show Pony“ für Vorstandsmeetings degeneriert. Inhalte und Finanzierung muss weitestgehend voneinander getrennt werden.

Über die nächsten sechs Jahre wird Inpera daran arbeiten, die Beschaffung am Bau zu automatisieren. Die technologische Integration von Daten und Systemen steht dabei im Fokus. Mittelfristig ist das Ziel, den aktuellen „MVP“ zu öffnen und die Inpera-Technologie zu skalieren. Neben Europa sind für diesen Schritt besonders die USA, China und Indien interessant.

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