Matthias Schneider (CDO fischer): Wie digitalisiert man einen mittelständischen B2B-Hersteller?

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Matthias Schneider ist bei der Unternehmensgruppe fischer als Chief Digital Officer (CDO) für die Digitalisierung in allen Bereichen verantwortlich. Der 32-jährige Wirtschaftsinformatiker ist ein spannender Gesprächspartner. Seit über 10 Jahren beschäftigt er sich beruflich mit B2B Digital Commerce, Plattformen und Softwareentwicklung, in jungen Jahren war er einer der 30 ersten iOS-Entwickler. In unserem Gespräch räumt Matthias mit vielen Vorurteilen über CDOs auf. Er gibt einen tiefen Einblick darin, was Digitalisierung für fischer in der Produktion und in der Kundenbeziehung bedeutet und warum das Unternehmen mit “Craftnote” vor einiger Zeit ein eigenes Start-up gegründet hat. Matthias ist außerdem der Eröffnungs-Speaker der “B2B Digital Masters Convention”, die warenausgang in Kooperation mit Handelskraft am 06. und 07. November veranstaltet.

Hier der Link zum YouTube-Video:

Matthias Schneider (CDO fischer): Wie digitalisiert man einen mittelständischen B2B-Hersteller?

Hier der Link zum Podcast auf Soundcloud (auch in der Apple Podcast App erhältlich):

(Berechtigte) Vorurteile gegen CDOs

Als alter warenausgang.com-Leser hat Matthias natürlich den Artikel “Der beste schlimmste Job der Welt” über CDOs gelesen. Nachdem er mit Ende 20 als E-Commerce Manager zu fischer gekommen ist, ist Matthias das Verständnis des operativen IT-Kerngeschäfts und der Entwicklung der letzten 10 Jahre wichtig. Ein (Achtung, Klischeeparade) CDO, der mit VR-Brille und IoT-Gadgets im Büro sitzt, dafür mal bei Google, AOL oder der Telekom gearbeitet hat und eigentlich keine wirklichen Projekte auf die Straße bekommt will er nicht sein. Um dem Anspruch an einen CDO im Mittelstand gerecht zu werden, versucht er bei fischer in der Digitalisierung das Denken “im Wertstrom” zu etablieren. Soll heißen: Alle Unternehmensbereiche müssen ineinandergreifen, sonst funktioniert die Digitalisierung nicht. Seine Erfahrung als Wirtschaftsinformatiker, der wirklich mal selbst Codezeilen geschrieben und Apps bzw. Software entwickelt hat, hilft ihm zudem dabei, Themen nicht nur an der Oberfläche, sondern auch den Durchstich zur Umsetzung nachvollziehen zu können. Zentral wichtiges Element, als CDO im mittelständischen Produktionsunternehmen ernst genommen zu werden ist für Matthias, die Systemarchitektur durchdringen zu können. Ohne fachliche Kompetenz und dem Verständnis dessen, was ein Unternehmen wie fischer eigentlich den ganzen Tag so macht, würde einem CDO hier schnell die Luft ausgehen.

Digitalisierung bei fischer

Eine einheitliche Definition der Digitalisierung gibt es bei fischer ebenso wenig wie eine einheitliche Digitalstrategie. Das Unternehmen ist in mehrere Geschäftsbereiche aufgeteilt, u.a. die Befestigungstechnik oder aber ein Automotive-Bereich, der OEMs beliefert. Zu groß sind die Unterschiede zwischen den Bereichen. Dort, wo es Gemeinsamkeiten gibt, z.B. in der Produktion, wird aber sehr wohl versucht, Synergien zu nutzen. Einen gemeinsamen Kern sieht Matthias zumindest darin, dass für ihn die “Digitale Transformation” bedeutet, analoge Prozesse auf Basis digitaler Daten zukünftig digital abzuwickeln.

“Heute gibt es wirklich die Möglichkeit des ‘Data-driven Everything'”

Matthias Schneider über die zentrale Bedeutung von Daten

Was Industrieunternehmen heute fehlt ist das, was viele Start-ups erfolgreich macht. Die Anerkennung und Nutzung von Daten um Entscheidungen zu treffen und den Pulsschlag des Unternehmens zu optimieren. Viele tradierte Unternehmen scheitern schon an der Datenerhebung, von der Automatisierung der Auswertung und der Nutzung im Tagesgeschäft ganz zu schweigen. Höhere Effizienz, ein bessere Produktqualität, schnellere Auslieferung und zufriedenere Kunden -- für Matthias alles mögliche Ergebnisse aus der Kern-Fähigkeit, Daten zu nutzen. Das ganze möglichst nahe an der Realität, ohne abgehoben über Flugtaxis nachzudenken und Disruption zu spekulieren.

“Nicht immer in Science-Fiction-Modellen denken. Viele CDOs schreiben irgendwo ‘KI’ rein, wenn sie nicht mehr weiter wissen und wundern sich dann, wenn man in ein oder zwei Jahren keinen Millimeter vorangekommen ist.”

Matthias und fischer achten im Markt auf digitale Möglichkeiten, die kurzfristig erschließbar sind

Building Information Modeling bei fischer

BIM ist eines der Themen für fischer, um möglichst schnell nachhaltige Erfolge für das Kerngeschäft zu erzielen. Die Schwarzwälder beschäftigen sich intensiv mit dem Thema “Building Information Modeling” (BIM) und der Auswirkung auf die Verbauung von Befestigungstechnik in der digitalen Zukunft der Bauindustrie.

“BIM spart Kosten in der Bauphase, dafür muss ich in der Planungs- und Designphase mehr ausgeben. Das ist einer der Gründe, warum es in Deutschland bisher schleppend läuft.”

Matthias über die Gründe für die zurückhaltende Entwicklung von BIM-Anwendungen in Deutschland

Der praktische Nutzen von BIM ist für fischer und Matthias extrem greifbar, durch Projekte im Ausland kann fischer heute schon einige Erfahrung sammeln und macht sich ein Bild, was BIM in der Praxis wirklich für das Unternehmen bedeuten kann. Mit BIM werden zukünftig wohl kaum mehr Produkte von fischer verbaut, dafür jedoch die Projekte besser geplant. Will fischer also, dass Kunden in Ihren digitalen Vorplanungen, bei denen jede kleinste Befestigung und jede Rohrdurchführung vor Baustart auf ihre Funktionalität digital geprüft wurde, weiterhin fischer-Produkte verbauen, muss jedes Produkt als digitaler Zwilling lange vor Auslieferung für dieses Bauprojekt zur Verfügung stehen, um in die BIM-Planung einfließen zu können. Dieser digitale Zwilling sollte fischer mindestens genau so wichtig sein, wie das physische Produkt, dass von der Produktionsmaschine fällt.

Digitale Nutzen in der Produktion

Trotz der digitalen Zwillinge des analogen Produkts ist fischer nach wie vor darauf angewiesen, dass die Maschinen in der Produktion am Ende irgendein Teil ausspucken. Und das, so fischers Anspruch, in der höchsten Qualität um die Qualitätsführerschaft im Markt zu verteidigen. Durch Datensammlung und -auswertung von Millionen von Datenpunkten aus der Produktion verlagert sich der Schwerpunkt der Qualitätssicherung vom hinteren Ende der Produktion auf den Anfang, bzw. auf eine permanente Überwachung der Qualitäts-Performance. Diese erfolgt möglichst automatisiert und in Echtzeit. Probleme in der Produktion, z.B. mit dem Luftdruck eines Pneumatiksystems einer Maschine, werden mit hohem Zeitbezug zur Entstehen des Problems erkannt und können von Mitarbeitern behoben werden. Als Ergebnis steigt nicht nur die Qualität, sondern auch die Effizienz und Produktivität der Produktion.

Die Produktion zu digitalisierten unterscheidet sich von anderen Bereichen. Der Fakt, dass es in der Produktion weniger externe Faktoren gibt, wie z.B. in Vertrieb und Marketing, erfodern andere Herangehensweisen. Eine der größten Herausforderungen ist die Harmonisierung der bestehenden Anlagen und Systeme, die teilweise schon über Jahrzehnte bestehen und weiterentwickelt wurden. Auch hier versucht fischer, mit der Hand am Arm zu agieren. So hat fischer z.B. eine Praxis zur Server-Überwachung aus der Webentwicklung zur Anlagenüberwachung übernommen. Mit Hadoop sowie Apache Open Source und Big Data Cluster Servern überwacht fischer die Logfiles der Maschinen, Tableau dient als Analyse-Tool.

Digitale Nutzen für B2B-Kunden

Drei bis vier Stunden “Screen Time” verbringt der Mensch im Durchschnitt jeden Tag -- alleine auf dem Smartphone. Matthias kennt diese Statistiken, als ehemaliger App-Entwickler sowieso. Aus fischers Sicht entwickelt sich somit ein “unfassbar spannender Kanal” für Marketing, z.B. um Neuprodukte bei Kunden zu platzieren. Auch Social Media, nach Matthias’ Dafürhalten schon längst aus dem Katzenbilder-Klischee herausgewachsen, bietet auch im B2B-Bereich gute Möglichkeiten, die Kunden zu erreichen. Wie man diese Kanäle nutzt, um seine Kunden wirklich zu erreichen, musste auch fischer lernen und viel Lehrgeld dafür zahlen. Eine der Konsequenzen aus den Erfahrungen der Anfänge ist die neue App für Handwerker, die zu Beginn 2019 gelauncht wurde. Sie solle jedoch keine reine Marketing-Schleuder sein, sondern Kunden wirklich weiterhelfen, z.B. durch einen Chat, in der Anwendungsfragen direkt über die App geklärt werden können. Über die bilaterale Kommunikation will fischer seinen Kunden direkt helfen und Feedback einsammeln. Darüber hinaus sind die Verfügbarkeiten von fischer-Artikeln händlerübergreifend ersichtlich, was z.B. im Falle eines Sofortbedarfes auf der Baustelle zu einer schnellen Bedarfsdeckung beiträgt, zurzeit wird dieses Feature noch um eine Umkreissuche erweitert.

“Es ist total interessant, solche digitalen Kanäle zum Kunden aufzubauen und es ist für uns ein ganz wichtiger Puzzle-Stein in unserer E-Commerce Journey.”

Matthias Schneider über die fischer-Handwerker-App

Um den richtigen Nutzen für den entsprechenden Kunden zu entwickeln, müssen die Teammitglieder von fischer die Branche verstanden haben. Auch einer der Gründe, warum Matthias in diesem Bereich nur selten auf externe Ressourcen zurückgreift. fischer setzt zur Visualisierung des Kundenverständnisses auf Personas, die aber im Detail als Betriebsgeheimnis gut gehütet werden. Diese sind wesentlich fokussierter formuliert, als sonst sehr einfach und breit verwendete Personas wie “Handwerker”. Diese Personas müssen die handelnden Personen beherrschen, auf der Entwickler- als auch auf der Business-Seite.

“Ein Handwerker ist als Persona viel zu breit. Wenn man denkt, einen Ein-Mann-Betrieb bis hin zu einem Konzern mit über 1000 Mitarbeiter in einer Persona abfrühstücken zu können, dann ist das totaler Schwachsinn.”

fischer setzt laut Matthias auf Personas und gibt sich viel Mühe in der Erstellung

Zukauf digitaler Kompetenzen

In der Vergangenheit hat fischer mit Digitaldienstleistern nicht immer die besten Erfahrungen gemacht. “Tech ist 100% People Business,” sagt Matthias. Allein die Einarbeitungszeit in die Branche und Kunden kostet jedes Mal eine Menge Kraft, wenn neue Dienstleister dazu kommen. Zudem fehle oft die Leidenschaft, wenn etwas von einem Dienstleister entwickelt würde. Der Aufbau eigener Digitalkompetenz ist unerlässlich, wenn man bis auf die Entwicklerebene dauerhaft dafür sorgen will, dass der eigentliche Erfolg einer App etc. im Fokus steht. fischer hat daher die Mehrheit am Jenaer Digitaldienstleister “Smart Commerce” mit 80 Mitarbeitern übernommen. Matthias und fischers Ziel ist es, das Ownership Level über digitale Entwicklungen möglichst hoch zu halten. Alle sollen mitmachen und mitdenken, nicht einfach digitale Entwicklungen als “Dienstleistung” abgeben, so wie es der Kunde mal gewünscht hat.

“Wir werden aber jetzt nicht ein 80-köpfiges Tech-Team in Waldachtal aufbauen können. So schön es da auch ist, aber so viele Software-Experten gibt es da einfach nicht.

fischers “Acqui-Hire” ist auch ein wenig standortbedingt, lässt Matthias durchklingen

fischer und Craftnote

Craftnote ist eine Plattform für Dokumentation und Kommunikation auf der Baustelle. Fischer hat Craftnote 2017 als eigenes und eigenständig agierendes Unternehmen gegründet und baut seither die App auf. Ausgangspunkt war eine Analyse der “Pain Points” auf der Baustelle. Oft ist dort die Herausforderung, dass nicht einheitlich kommuniziert und dokumentiert wird. Das führt dort oft zu großen Ineffizienzen. Dieses Problem will Craftnote mit der Verbindung beider Faktoren lösen und den Anwendern möglichst einfach zugänglich machen.

5000 aktive User hat Craftnote mittlerweile. In einer geschlossenen Facebook-Gruppe geben über 1000 Handwerker täglich Feedback zur Funktion der App und tragen so täglich zur Weiterentwicklung der App bei. Für fischer hat sich das Start-up so zum wichtigen Leuchtturm und Pulsmesser entwickelt. Craftnote soll als Plattform ein weiteres Standbein im Baubereich als “Heimat” von fischer werden. Für die Weiterentwicklung gibt es eine Roadmap mit Fokus auf Dokumentation und Kommunikation, die Teams zur Umsetzung werden gerade in Frankfurt und Berlin aufgebaut.

“Wir glauben an Craftnote. Jeder hat drei Stunden Screen Time am Tag und von diesen drei Stunden sind beim Handwerker zukünftig 20 Minuten Craftnote Time, die gehört dann uns.”

Mit Craftnote wollen fischer und Matthias möglichst Nahe am Kunden bleiben

Matthias Schneider, CDO von fischer, ist der Eröffnungs-Speaker der “B2B Digital Masters Convention”, die warenausgang in Kooperation mit Handelskraft am 06. und 07. November veranstaltet.

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