Köln, 20. März 2018. Im Rahmen der BME-eLösungstage, die letzte Woche stattfanden, wurde ich von einigen engagierten warenausgang.com-Lesern auf die dortige Präsenz von Crowdfox aufmerksam gemacht. Schon im letzten Jahr hat der gescholtene B2C-Marktplatz den B2B-Einstieg verkündet. Beim Markteintritt hatte Crowdfox verlauten lassen, das Google unter dem Amazons zu sein und immer wieder Jet.com als Vergleich hervorgekramt. Crowdfox, der neue Challenger im E-Commerce-Markt, vor dem selbst Amazon zittert? Wer so auftritt, der nährt einerseits bei manchen die (naive) Hoffnung, man könne ein deutsches Amazon bauen. Andere stecken Unternehmen mit Auftritten dieser Art schnell in die Gernegroß-Schublade.

In diesem Artikel beschäftige ich mich damit, was hinter dem “neuen Modell” von Crowdfox steckt. Vor allem im Hinblick auf B2B: Alles nur Show oder tatsächlich ein spannendes Geschäftsmodell?  Und wenn ja, was bedeutet das für den Markt?

Lesezeit: 6 Minuten

Anti-Amazon, fairer Superheld für Händler, Schnäppchenportal für Konsumenten.

Crowdfox ging im Dezember 2015 als B2C-Shoppingclub an den Start. Das ursprüngliche Versprechen gegenüber den Usern war, 10% gegenüber Amazon zu sparen. Ein sehr preisfokussiertes Modell also, vor allem eines, das die Preisspirale weiter abwärts zu treiben scheint. Für Händler soll dieses Modell dadurch attraktiv sein, dass es kostenlos ist, keine Handelsprovision fällig wird, wie etwa bei Amazon, auf das sich Crowdfox als großen, bösen Wolf sowieso eingeschossen hatte. Das ganze als Single-Creditor-Modell: Die Rechnung kommt immer von Crowdfox. Mit diesem Modell erwirtschaftete man anscheinend 10 Millionen Euro Umsatz* in den ersten acht Monaten in 2016. 2017 folgte der Einstieg und die massive Fokussierung von B2B-Märkten, der Umsatz* 2017 soll 30 Millionen Euro betragen haben. Aus dem Pitchdeck der Series A vom März 2017 gehen folgende Zahlen hervor:17 Millionen Euro Umsatz (01.04.2016 – 31.03.2017)

*Mit Umsatz müsste hier wohl das Gross Merchandising Volume der Plattform gemeint sein, nicht der reine Umsatz von Crowdfox.

Kein Zeichen der Zuversicht? VC Fonds machten bisher einen großen Bogen um Crowdfox

Mittlerweile hat Crowdfox trotzdem einiges an Risikokapital von institutionellen Investoren eingesammelt. Zwischen 10 und 15 Millionen Euro sollten es mittlerweile insgesamt sein. Auf Crunchbase findet sich eine Übersicht der Investoren. Zu den prominentesten Investoren gehören Idealo, die Preissuchmaschine, die zum Axel Springer Konzern gehört (und von der Springer sich 2017 zwischenzeitlich auch mal trennen wollte). Pikant war dabei am Anfang vor allem, dass Idealo so seinen Händlerkunden indirekt Konkurrenz gemacht hat und sich diese um die “Neutralität” Idealos sorgen machten (siehe Artikel auf Shopanbieter). Jochen Krischs Meinung auf Exciting Commerce war 2016 dazu sehr eindeutig und ist in den Artikeln

manifestiert. Um die Diskussion nachzuvollziehen, empfehle ich die Lektüre der Kommentare unter dem ersten Artikel.

Ein weiterer Investor ist die Takkt AG, zu der bekanntermaßen etablierte Spezialversender wie Kaiser+Kraft, oder aber spannende Unternehmen wie CERTEO gehören. In der letzten Investitionsrunde war Takkt Lead-Investor. Auf die Takkt AG halte ich sehr große Stücke, sie haben das Thema Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle und Aufbau neuer digitaler Geschäftsmodelle in einer großen Professionalität, mit viel Aufwand und hohem Ambitionslevel angegangen. Zudem kennt sich die Takkt AG sehr gut in verschiedenen B2B Märkten aus und ist selbst in den USA und Europa aktiv. Das Crowdfox-Investment war für mich bisher jedoch immer ein kleiner Makel gewesen, den ich nicht verstanden habe.

Tech-orientierte VC-Fonds haben den Glauben in E-Commerce Geschäftsmodelle, vor allem in jene, die Amazon als größten Wettbewerber sehen, längst verloren.Dazu müsste dann schon mehr dahinter stecken. In der Standardlogik, wie man als Start-up auf Investorensuche geht, müssten diese jedoch als allererstes angesprochen worden sein. Wer sich zu einem frühen Zeitpunkt wie in der Series-A massiv Kapital von strategischen Investoren an Bord holt, muss diesen auch immer einen strategischen Mehrwert bieten. Andererseits verschließt man sich so viele Exit-Kanäle.

Die Crowdfüchse waren bisher keine Kinder von Traurigkeit

Schon 2001 erschien ein Artikel im Handelsblatt, der den Crowdfox-Gründer Wolfgang Lang für den Niedergang des damaligen Coaching-Anbieters Add!Brain als Hauptschuldigen ausgemacht hat. Sicher gibt es auch bei dieser Geschichte zwei Seiten, doch vorbelastet ist die Geschichte von Crowdfox damit. Auch bei Crowdfox zogen im ersten Jahr einige dunkle Wolken über den Horizont, angefangen bei einem misslungenen Crowdfox-Werbevideo, das anscheinend den Eindruck einer neutralen Bewertung suggerieren sollte. Daniel Brückner hat dieses Video auf Toptestsieger.de auf vernichtende Art und Weise auseinandergenommen und entlarvt.

Auch Wortfilter.de hat Crowdfox zu Beginn der Geschäftstätigkeiten massive Vorwürfe gemacht (“Crowdfox: Legal? Illegal? Scheißegal!“), im Verlauf der Zeit wurden daraufhin die AGBs entsprechend angepasst und geändert.

Crowdfox neues Geschäftsmodell hat das Potenzial, alle Profiteure der Preisintransparenz unter Druck zu setzen.

Vielleicht hat einer der Investoren irgendwann mal gesagt: “Okay, Leute, wir glauben, hier steckt was drin. Ihr müsst aber mit der Grabbeltisch-PR aufhören.” Denn heute ist, zumindest aus meiner Sicht, kein doofer B2C-/B2B-Marktplatz mehr. Crowdfox’ spannender Teil des Geschäftsmodells ist ein Hybrid aus einer B2B Preisvergleichsplattform mit Fokus auf C-Artikel und einem ein Single-Creditor-Modell mit direkter EDI Anbindung an die Kundensysteme.

Beispiel: Crowdfox liest alle verfügbaren Datenquellen, Shops, Plattformen & Kataloge ein. Im eigenen System wird so eine Artikeldatenbank mit Preisinformationen über mehr als 40. Mio. Artikeln und 90.000 Lieferanten erstellt. Was folgt ist ein semantischer Abgleich der Artikeldaten, in dem Anhand der EAN, Beschreibung, Merkmalen usw. Dubletten eliminiert werden (Eigenmarken eingeschlossen). Die Artikel bekommen eine eindeutige Crowdfox Artikelnummer, Crowdfox baut sich so seine eigene Preisdatenbank auf.

Wenn nun ein großer B2B Kunden daraufhin sein ERP bzw. SRM-System öffnet und seine Lieferantenkataloge mit allen Rahmenverträgen und Preisen zur Verfügung stellt, bekommt er als Ergebnis einen Preisvergleich zurück in sein System gespielt. Der Kunde hat nun die volle Transparenz auf Artikelebene: Einerseits zwischen seinen zur Verfügung gestellten Lieferantenkatalogen, andererseits als Benchmark seiner Konditionen zur allgemeinen Marktperformance.

Das eigentlich Brutale an der Geschichte ist jedoch, dass Crowdfox anbietet, die identifizierten, günstigeren Artikel direkt zu beschaffen. Crowdfox will dieses Single-Creditor-Modell anbieten und die Artikel über eine konsolidierte Rechnung abwickeln. Das ganze aus Kundensicht bequem über dessen ERP/SRM System per Direktanbindung.

Hat Crowdfox das Zeug dazu, eine revolutionäre B2B Beschaffungslösung zu bauen?

Verschiedene Besucher der bme-Lösungstage haben mir berichtet, dass in der Präsentation vor Ort verschiedene Lieferantenlogos eingebunden waren, z.B. auch das der Würth-Gruppe, dem König der C-Artikel. Auf der Crowdfox-Plattform aktiv sind u.a. auch die Würth-Töchter svh24, ein Marktplatzhändler aus Dortmund, und WASI, ein Spezialhändler für Edelstahlverbindungselemente. Darüber hinaus sollen Kooperationen mit PSG, einem der etabliertesten E-Procurement-Service-Anbietern, und Mercateo bestehen. Kein Wunder also, wenn sich auf dem Crowdfox-Stand bei den BME eLösungstagen dann auch Vertreter größerer B2B Einkaufsorganisationen die Klinke in die Hand gaben, um mit Crowdfox über eine Implementierung der Lösung in die eigene Beschaffung zu sprechen.

Das Konzept ist einzigartig aggressiv und gibt es am Markt in dieser Form aus meiner Sicht noch nicht. Aus Einkaufsleiter-Sicht macht es total Sinn, Preistransparenz und Benchmarks über alle Kataloge aller Lieferanten zu bekommen. Das Wissen, das sich Einkaufsabteilungen so schlagartig für ihre Lieferantengespräche aufbauen können, ist einzigartig. Da möchte man als Key Account Manager nicht mehr unbedingt gegenübersitzen. Vor allem dann nicht, wenn man ein paar Intransparenzleichen im Preiskeller liegen hat, die so schnell zutage kommen.

Andererseits müsste, um Crowdfox wirklich auch als Single-Creditor-Modell zu nutzen, die Einsparung hier so exorbitant hoch sein, dass sie den jährlichen Einkaufsbonus der Top-Lieferanten übersteigt. Das halte ich für gewagt. Anders sieht es im Longtail-Spend aus, hier ist das Bestreben, Single-Creditor-Modelle zu fahren, naturgemäß hoch. Doch Crowdfox müsste hier wirklich große Mengen des Longtail-Bedarfs in B2B Industrien einsammeln, damit es für sie ein spaßiges Geschäftsmodell wird. Sonst wäre man eher Big Data Anbieter, denn Beschaffungsplattform.

Die Hemschwelle von Einkaufsverantwortlichen, Preis- und Artikeldaten an einen Dienstleiter wie Crowdfox herauszugeben, dürfte relativ gering sein. Der potenzielle Gewinn, der dahinter steht, klingt einfach viel zu verlockend. Im Zweifel kann ich mir sogar vorstellen, dass mittelständisch geprägte Organisationen ohne großartig festgeschriebene Governance einfach mal einen Teilkatalog rüberschieben, um das Crowdfox-Glücksversprechen zu testen.

Sofern Crowdfox dieses Glücksversprechen in Form eines gut funktionierenden Algorithmus einlösen können, macht aus meiner Sicht das Investment der Takkt AG und auch Idealos wieder Sinn. Doch noch wäre ich vorsichtig. Das Image ist und bleibt für mich trotz der Investoren und des Zurückfahrens der Kirmes-PR nicht ganz hasenrein. Die Dinge, die zu schön um wahr zu sein erscheinen, sind es oft am Ende auch.